Immer wieder frage ich mich: Kann das ein Mensch rudern? Aber die Kilometer-Auswertung des Deutschen Ruderverbandes wartet jedes Jahr mit solchen Zahlen auf. Diesmal habe ich mich nicht bremsen können und an Arno Boes (Chefredakteur unserer Verbandszeitschrift »rudersport«) geschrieben:
Sehr geehrter Herr Boes, ich bin Ruderer seit über 50 Jahren, immer noch aktiv, jetzt beim Münchener Ruder-club von 1880. In der letzten Ausgabe ist eine Statistik abgedruckt, in der die Jahresleistung einer Ruderin mit 19.366 km angegeben ist. Meine Frage lautet, wie die Dame das erreicht. Ich habe das einmal auf 365 Tage umgelegt. Dann sind es 53 km an jedem Tag, an dem die Sonne aufgeht. Sollte an sieben Tagen (Weihnachten z.B.) nicht gerudert worden sein, dann wären es schon 54 km an jedem anderen Tag. Ich habe auch schon einmal bei einer Wanderfahrt 80 km an einem Tag auf der Weser zurückgelegt und 270 km in 5 Tagen. Das wäre also das tagtägliche Pensum. Bisher konnte mir niemand erklären, wie so etwas möglich ist. Können Sie mir helfen?
Mit Dank
und rudersportlichem Gruß
Horst Schüler
Meine Anfrage wurde an Eberhard Wühle weitergeleitet: Hier dessen Brief an mich:
Lieber Herr Schüler, Arno Boes, der Redaktionsleiter des Rudersport, informierte mich über Ihre Anfrage zu den exorbitanten Kilometerleistungen, die einige Wanderruderer/innen im Jahr schaffen. Ja, das liest sich wahrlich unwahrscheinlich. Ich habe volles Verständnis für Ihre Skepsis und manch andere Zweifel. Ich selbst freue mich über jeden Kilometer im Boot. Schon aus beruflichen Gründen bin ich aber tausendmeilenweit von diesen Kilometerleistungen entfernt und erfülle – wenn es denn gut läuft – selbst so gerade mal die Bedingungen für das Fahrtenabzeichen.
Aber zur Ehrenrettung der Angezweifelten: ich bin vor einigen Jahren mit dem diesmal Zweitplazierten Christoph Stephan gerudert und kenne seine ruderische Logistik aus eigenem Erleben und in voller Authentizität. Daher hege ich auch ohne tiefergehende Kontrolle keinerlei Zweifel, dass die hier genannten Zahlen den Tatsachen entsprechen, zumal sich Christoph Stephan während der Sommermonate bis in die späten Abendstunden hinein regelmäßig auf dem Wasser aufhält. Tagesleistungen von 100 Kilometern und mehr sind im Sommer bei ihm keine Seltenheit. Gegen Kälte hat er sich gut ausgerüstet, und so ist er auch bei klirrendem Frost auf dem Wasser anzutreffen.
Die Kilometerleistungen sind in der Tat nachvollziehbar und bewundernswert. Ob sie auch nachahmenswert sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber jeder sollte den Respekt und die Größe haben, eine solche Leistung zu respektieren, mehr noch: zu würdigen. Ich halte viel davon, über diese Leistungen zu sprechen, aber nichts davon, diese Leistungen klein zu rechnen oder gar totzuschweigen.
Für mich persönlich bleibt unvergessen, dass Christoph Stephan mir an einem Silvestertag in seinem eigenen rheintauglichen Doppeldreier bei morgens minus 10 Grad auf einer Stecke von Neuwied nach Köln noch zur Hürde über das Fahrtenabzeichen verholfen hat. Am Neujahrsmorgen ist er dann mit anderen Ruderfreunden ins Boot gestiegen und ich weiß, dass er meist schon in den Weihnachtsferien die Bedingungen für das Fahrtenabzeichen geschafft hat.
Hinzu kommt, aber das sei nur nebenbei vermerkt: wer sich nautisch über den Rhein, seine Schön- und Besonderheiten, seine Tiefen und Tücken (und natürlich die praktisch aller anderen beruderbaren europäischen Gewässer) informieren will, findet in Christoph Stephan ein lebendes Archiv. Mir hat er viele Ereignisse (Vorkommnisse!) erläutern und mich vor Schaden – auch durch vorbildlich diszipliniertes Verhalten – vorausschauend bewahren können.
Mit freundlichen
Grüßen
Eberhard Wühle
Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit, E-Mail: drv-presse@wolff-walsrode.de
Aus: rudersport DRV-intern Wanderrudern 12/006: Fast um die halbe Welt rudern Doris Himmelsbach und Christoph Stephan. Wie sie das alljährlich immer wieder schaffen, ist hier nachzulesen.