19.366 Kilometer in einem Jahr – unmöglich

Diese Kilometerleistung ist – soweit mir bekannt ist – „nur“ die zweitbeste Kilometerleistung in Deutschland. Christoph Stephan aus Neuss, heute auswärtiges Mitglied beim BRC Hevella, stellte 1992 einen Rekord mit 21.222 geruderten Jahreskilometern auf. Es wären noch Tausend mehr geworden, wenn er nicht krank geworden wäre. Gesundheit ist bei dem Erbringen solcher Leistungen die wichtigste Grundbedingung. Am besten ist man dazu noch Single. So erspart man sich die häuslichen Konflikte. Und man braucht einen Beruf, der einem genügend Freizeit zum Rudern lässt oder wie in meinem Fall, man ist arbeitslos.
Ich suche seit 2004 eine Arbeitsstelle als Sekretärin, aber da mein „Verfallsdatum“ = 35 Jahre weit überschritten ist, verliefen bis jetzt alle Anstrengungen (über 500 Bewerbungen geschrieben, 30 Vorstellungsgespräche) vergebens und ab Mitte letzten Jahres bin ich Hartz IV-Empfängerin. Da ich sehr wenig Geld zur Verfügung habe, ruderte ich die meisten Kilometer in Berlin. Und da ich 2005 nie wusste, ob der nächste Tag mir vielleicht doch die ersehnte Arbeit bringen würde, bin ich immer so viel gerudert, wie ich Zeit hatte. Einen Kilometerrekord aufzustellen, hatte ich nicht geplant – es hat sich so ergeben. In meinem Skiff „Wilde Sau“ habe ich über 9000 Kilometer zurückgelegt, die restlichen in Mannschaftsbooten. Im Gegensatz zum Rhein kann man in Berlin theoretisch rund um die Uhr rudern. Nachts ist nur eine gut sichtbare Rundumleuchte notwendig. Die neue LED-Technik macht es möglich, dass auch ein Skiff vorschriftsmäßig beleuchtet ist. Nun hat sich jeder bestimmt ausgerechnet, dass ich mindestens jeden Tag 53 Kilometer rudern „musste“, um diese Kilometerleistung zu erbringen. Wer mich kennt weiß, dass bei mir von „müssen“ nicht die Rede sein kann, „durfte“ wäre zutreffender. Ich rudere viel zu gerne und 53 Kilometer sind mir eigentlich noch zu wenig, um mich richtig wohl zu fühlen. Man könnte auch sagen, dass ich immer mehr Kilometer (= härtere Doge) brauchte, um mich wohl zu fühlen. Da ich immer auf meinen eigenen Rollsitzen rudere, kenne ich keine Sitzbeschwerden oder Rückenschmerzen. Meine Hände befreie ich regelmäßig von der dicksten Hornhaut und creme sie täglich mehrmals ein. Die Handflächen sind zwar nach einer langen Ruderetappe rot und tun auch ab und zu weh, aber Blasen habe ich keine.
Das Jahr 2005 fing mit einer schönen Rudertour mit Christoph auf dem Rhein an. Eine Woche jeden Tag von Bingen nach Bad Honnef (ca.115 km) und am letzten Tag von Bad Honnef nach Neuss (96 km) und schon war das erste Ziel, das Fahrtenabzeichen, in der ersten Januarwoche erledigt. Bis März ruderte ich dann auf heimischem Gewässer sehr normal, so im Durchschnitt 700 – 900 Kilometer pro Monat. Ab April bis Juli steigerte ich mich dann auf über 2000 pro Monat. Von August bis Dezember waren es dann so ca. 1.500 Kilometer pro Monat. An manchen Tagen war ich bis zu 5 x in verschiedenen Booten auf dem Wasser, von morgens früh bis abends spät. Ich habe einige Freunde, die gerne viele schnelle Kilometer auf Zeit rudern und natürlich ohne größere Pausen. So bin ich oft 80 Kilometer und mehr am Tag gerudert. An einigen Tagen durfte ich dann auch mal nicht rudern, z. B. beim WRT. Großes Glück hatte ich mit dem Wetter. Erst kurz vor dem Jahreswechsel hatten wir in Berlin das erste Eis. Der Herbst hatte tolles Ruderwetter und es gab überhaupt wenige Tage, an denen Rudern wegen schlechten Wetterbedingungen nicht möglich war.
Neben dem Rudern hatte ich immer noch genügend Zeit für meine ehrenamtlichen Aufgaben bei Hevella, mich um einen Job zu bemühen, für die Vorbereitungen unseres 100jährigen Jubiläums, für die Vorbereitungen zum 40. WRT, für meine Wohnung mit den beiden „Zimmerlöwen“ und für mein zweites Hobby: Tanzen. Für 2006 wünsche ich mir vor allem einen Job, auch wenn ich dafür Berlin verlassen muss. Damit ich Freiraum für meinen neuen Job habe, werde ich mich nicht mehr Vorsitzende FÖV bei Hevella zur Verfügung stellen. Gerne unterstütze ich den neuen Vorstand bei seinen Arbeiten als „freie“ Mitarbeiterin, solange ich in Berlin bin. Rudern werde ich, wie 2005 schon, immer soviel wie ich Zeit habe. Christoph fängt das Jahr 2006 mit einem guten Vorsprung an, während ich noch bis März in die Schule zur Fortbildung in EDV und Englisch besuche und bis dahin keine Ferien habe.

Doris Himmelsbach